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Streit #1 Kreativwirschaft

Streit #3 Das bedingungslose Grundeinkommen

Andreas Schröter/ Ruhr Nachrichten

„1000 Euro für jeden“. Politisches im Schauspielhaus

Mit der Reihe „Stadt ohne Geld“ ist das Schauspiel unter der Leitung von Kay Voges deutlich politischer geworden als in der Gruner-Ära. Den Zuschauern gefällt’s, wie die lange Schlange an der Kasse vor dem Vortrag Götz Werners am Donnerstagabend bewies. Der 66-jährige Inhaber der Drogeriemarkt-Kette dm setzt sich bekanntlich für ein ,,bedingungsloses Grundeinkommen” ein: Jeder Mensch, egal ob Baby oder Greis, erhält monatlich 1000 Euro, um ein bescheidenes Leben auch ohne Arbeit führen zu können. Sozialleistungen
wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe oder Kindergeld dagegen würden entfallen.
Menschenwürde
Jeder, so die Theorie, könnte dann ein menschenwürdiges Leben auch mit Tätigkeiten führen, mit denen man kein Geld verdienen kann. Werner stellte seine Thesen im Plauderton und ohne Hilfsmittel wie Manuskripte
vor. In seiner Firma heiße es ohnehin: ,,Haben Sie eine Power-Point-Präsentation oder wirklich etwas zu sagen?”
Eine Zuhörerin hielt ihm entgegen, in Staaten wie der DDR habe es im Grunde so etwas wie ein bedingungsloses
Grundeinkommen gegeben – mit dem bekannten Ergebnis. In der DDR, so konterte Werner, wurden die Menschen zum Arbeiten gezwungen. Das sei aber nicht das, was ihm vorschwebe. Ziel von künftigen (und
heutigen) Unternehmern müsse es sein, ein Klima zu schaffen, in dem die Arbeitnehmer gerne ihren Job machen.
Nur so sei eine Firma auf Dauer erfolgreich. Das funktioniere genau wie beim Fliegen: ,,Mit Druck von oben
kriegen Sie kein Flugzeug in die Luft.” Kay Voges freut sich über das große Interesse an Stadt ohne Geld: ,,Es ist schön, dass das Schauspielhaus zu einem Ort geworden ist, an dem diskutiert und gestritten wird.”

Streit #4 Das Gespenst des Kapitals

 

Rainer Wanzelius/ Westfälische Allgemeine Zeitung

Schwarze Schwäne und andere Gespenster
Joseph Vogls viel beachtetes Gespenster-Seminar bei „Stadt ohne Geld“ im Foyer des Dortmunder Schauspiels

Ein Professor für Literaturwissenschaft schreibt ein Buch über das Funktionieren der Finanzökonomie. Kann das gut gehen?
Es geht sogar ganz wunderbar. Joseph Vogls viel beachtetes Gespenster-Seminar am Freitag Abend im Schauspielhau-Foyer vermittelte viel Grundsätzliches – und Überraschendes. Überraschend vor allem, dass uns Krisen überraschen.
Es war eine der Veranstaltungen des „Stadt ohne Geld“-Segments im Programm des Dortmunder Schauspiel, vielleicht die am wenigsten Stadtbezogene und daher auch abstrakteste. Fabian Lettow vom Kain-Kollektiv jedenfalls hatte sich mutig durch Vogls Werk gelesen und fragte nun dessen Thesen ab. Zur kontroversen Diskussion, zum angekündigten „Streit #4“ reichte es nicht. Da war Vogl einfach um zu viele Nasenlängen allen anderen voraus. Nur, dass er ohne die Hilfestellung seines Kernfachs auch nicht auskommt.
Er beruft sich auf Gotthold Ephraim Lessings „Minna von Barnhelm“ und so manch andere Geldtheorie in der Literatur. Um das Profil eines modernen Fondsmanager zu beschreiben, folgt er über viele Seiten dem Roman „Cosmopolis“ von Don DeLillo, dessen Held die Tagesreise zum Friseur seiner Kindheit auf der New Yorker West Side nicht überlebt. In wenigen Stunden steigt der japanische Yen, auf dessen Verfall der „Ulysses der Globalisierung“ gewettet hat, so dramatisch, dass er ruiniert ist. Das Buch (2005) entstand, als gerade die Dotcom-Blase platzte.
Das Undurchschaubare macht die Sache aber auch gespenstisch, „Das Gespenst des Kapitals“ ist Vogls Buchtitel. Wobei das Gespenst nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft kommt. Erst in ihr werden Schulden bezahlt oder nicht bezahlt.
Publikum fragt nach Übelstände, also Krisen, werden von den sich sonst beliebig wiedersprechenden Theoretikern einheitlich als schwarze Schwäne bezeichnet; die sollte es eigentlich nicht geben. Auch in der globalen, virtuellen Welt des aktuellen Geldverkehrs nicht. Vielleicht aber auch sind genau sie, die vermeintlichen Ausnahmen, das Regelmaß. Vogl bezieht sich da auf noch sehr junge Theorien, etwa die von MacKenzie: Wie die Modelle die Märkte verändern.
Wie kann das Theater mit dem von Vogl gelieferten Material umgehen? Vogl verweist auf die Autorin Elfirede Jelinek. Und wie kommt man mit dem „Gespenst“ im Gepäck in der Praxis weiter, in welcher auch immer? Vielleicht, indem man einen „vorsichtig marxistischen“ Blick riskiert. Indem man die Dinge wieder konkret werden lässt.

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