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Rainer Wanzelius/Westfälische Allgemeine Zeitung

Würmer, Holz und Mehl

Schauspieler Jakob Schneider begeistert mit seinem neuen Stück

„Eine monströse Gestalt. Ein haarloses Tier, ein Klumpen ohne Verstand, auf der Suche nach seiner Seele, ein ewiges Kind.” So begegnet uns der Schauspieler Jakob Schneider im „Stadt ohne Geld”-Institut des Schauspiels. Schwer und gebückt, erinnert er an Paul Wegeners ,,Golem“ von 1920.

Hier ist er der ,,Zeitgenosse Jakob S.”, so jedenfalls heißt sein kräftezehrendes Solo, das er am Mittwoch zum ersten Mal vors Publikum brachte – und das mit Bravour. Der ursprüngliche Titel ,,Auf, auf zum Kampfe, zum Kampfe, ihr Holzwürmer” ist in die zweite Zeile verwiesen.

Schneider bringt biografisches Material mit ein. Wir erfahren von seiner Jugend in Polen, spricht auch mal Polnisch, Monitor und Bildwand zeigen nebulöse polnische Landschaft: Hohe Tatra, Bergsee Morskie Oko, Meerauge.

Aber es geht um anderes. Um Enge, geschlossen Räume, um Grenze und Abgrenzung, Kiste: und Käfig, um Klaustrophobie. Als Zustand beschränkten Seins und Erkennens. Nicht als Attacke. „Gefängnis wie hunderttausend Kathedralen”. „Ich bin ein verschlüsselter Nummerncode. Ich existiere(erst), wenn mich die Maschine erkennt”, klagt er in Roboter-Stakkato.

Und: der Mensch lebt unter Larven. Da bietet sich der Holzwurm als Metapher und Synonym durchaus an.

Ganze Generationen dieser Käfer verlassen ihre Gefängnisse in Ritzen, Gebälk und Schnitzwerk nie. Leben einzig, sich fortzupflanzen und Holzmehl zu produzieren. Schneider stopft sich eine ganze Tüte Mehl zwischen die Zähne, um diesen staubenden Vorgang sichtbar zu machen. Nur in Sterbezimmern höre man mitunter das Ticken der „Totenuhr”, ,,fftt, fftt, sch”, macht Schneider das Geräusch  nach.

Der Abend – Regie Mirjam Schmuck, Text Fabian Lettow – verfügt über weitere Schichten. Tierbilder, Unfallbilde , Tier- und Kinderlieder und Geräusche. Doch alles fügt sich ineinander ,nicht zuletzt dank der guten schauspielerischen Möglichkeiten, über die Schneider verfügt. Eine ungewöhnliche Performance. Voller Sehnsucht nach Aufbruch und Freiheit. Aber auch nach Befreiung von sich selbst.

 

Kai Uwe Brinkmann/Ruhrnachrichten

Wenn Jakob Schneider den Mund voller Mehl nimmt und weiße Wolken spuckt, wird er zum Comedy_Holzwurm .Ein Fresser von Zeit und Zeitgeist, ein Wiederkäuer von Sprachfetzen, deren Wiederholung wohl die allgemeine Sprachlosigkeit symbolisiert.

Dabei referiert Schneider in den Mehl-Passagen Zoologisches aus Brehms Tierleben: Der Larvenkäfer ist so und so groß, nach der Verpuppung sucht er Kopulationspartner. Aufreizend mustert Schneider ein Weibchen im Publikum. „Na, keine Lust oder was?“

Hier darf und soll gelacht werden in der multimedialen Theaterperformance ,“Auf, auf zum Kampfe, zum Kampfe ,ihr Holzwürmer!”. Teil des Zyklus’ ,,Stadt ohne Geld”, aufgeführt am Donnerstag im Schauspielhaus. Auch die Verpuppung – Schneider im Schlafsack -, fällt unter Komik, anderes bleibt rätselhaft. Die frühere Cafeteria ist auf Holzkiste getrimmt. Ein Verlies, in dem der menschliche Holzwurm monomanisch brabbelt, auf dem Boden kreucht und per Lichtschranke Bilder und Toncollagen orchestriert. Auf dem Podest liegt Rollrasen, ein Goldfisch schwimmt im Glas. Ein Monitor zeigt die Hohe Tatra, ein Beamer Autocrashs oder Küken aus der ,,Hühnerfabrik“.

Vom Band erklingt eine Verhörstimme: Warum ist Deine Nase groß? ,,Weil ich Polacke bin!” Warum kann ein Bild von Bacon nicht schocken? ,,Bescheuerte Frage!” Schneider singt den Leiermann der „Winterreise“, reportiert eine Kindheit in Polen, tritt aus der Rolle: „Ich bin ihr persönlicher Schauspieler.“ Wenn er mit gestischer Emphase Sätze heraushämmert, erinnert er an Mussolini. ,,Man muss Worte sagen, solange es welche gibt!” Vage formuliert der Text Unbehagen an der Sinnentleerung von Sprache, ein Gefühl existenzieller Beklemmung, das man zur Not „kafkaesk” nennen kann.

Doch mehr als ein Kryptogramm gibt das Stück (Regie: Mirjam Schmuck) nicht her. Hut ab vor Jakob Schneider, der diesem Experiment die quälende Präsenz verleiht. Was fehlt, ist eine stringente Struktur.

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