Erschienen in der bodo am 2. september 2010
Unter dem neuen Schauspieldirektor Kay Voges wagt das Theater Dortmund Experimente. Für die Veranstaltungsreihe „Stadt ohne Geld“ wurden nicht nur zwei Künstlerkollektive verpflichtet, sondern auch die Wissenschaftler des Krefelder Instituts für urbane Krisenintervention (IfuK). Theater und Kreativwirtschaft, Kunst und Ökonomie?
Bastian Pütter sprach mit dem Dortmunder Dramaturgen Alexander Kerlin und Marcel Briegwitz vom IfuK über Chancen und Risiken einer ungewöhnlichen Kooperation.
bodo Alexander Kerlin, was verspricht sich das Theater Dortmund von einer Veranstaltungsreihe mit wissenschaftlicher Begleitung?
AK Im Grunde genommen ist die Kooperation eine mit offenem Ausgang. Wir haben uns dafür interessiert, was Wissenschaftler, die sich im Bereich der neuen Kreativität engagieren, dem Theater geben können, wenn wir sie hineinlassen. Wir beteiligen sie an Proben, Aufführungen, Eröffnungsveranstaltungen.
Die Gegenwart stellt völlig neue Anforderungen an uns Künstler. Die wirtschaftlichen Bedingungen haben sich verändert, unter denen produziert und konsumiert wird. Welche gesellschaftliche Rolle will die Kunst in Zukunft spielen? Es gibt auf Seiten des Instituts interessante Ansätze.
bodo Zum Beispiel, Herr Briegwitz?
MB Wir sind zuerst einmal positiv überrascht von der Offenheit, mit der Dortmunds Schauspieldirektor diesen aktuellen Themen ein Forum bieten möchte. Traditionell gibt es ja durchaus Vorbehalte. Das Institut versteht sich als Einrichtung, die konkret wirken möchte. Wir wollen Kultur befragen – über ihre Funktion als „weicher Standortfaktor“ hinaus. Welche Rolle kann sie spielen im Hinblick auf die Verbesserung der gesellschaftlichen Situation vor Ort? Da sehen wir Kultur ganz klar in einer Ausgangslage, die sie prädestiniert, gesellschaftsdynamische Prozesse zu stärken.
bodo „Stadt ohne Geld“ holt also weitere Akteure ins Theater. Reichen ihre bestehenden Strukturen nicht aus, Herr Kerlin?
AK Es ist normal, dass ein Theater Expertise von außen sucht. Wir haben gewagt, eine Veranstaltungsreihe zu initiieren, in der wir das IfuK und die Künstlerkollektive sputnic und kainkollektiv aufeinanderprallen lassen.
MB Herr Kerlin hat es eigentlich schon gesagt. Es ist nichts Ungewöhnliches daran, dass ein Theater, wie andere Betriebe auch, Expertise von außerhalb suchen. Darin artikuliert sich nicht zwingend, dass damit ein interner Mangel ausgeglichen werden muss. Wenn bei Shakespeare ein Schwertkampf choreographiert werden muss, wird ein Kampfchoreograph hinzugezogen. In vergleichbarer Hinsicht denke ich, können wir diese Kooperation auch nur als Bereicherung der eingeübten und funktionierenden Strukturen verstehen.
bodo Der Titel „Stadt ohne Geld“ thematisiert die kommunale Finanzierungskrise. Ist die Kooperation mit dem IfuK eine Art Vorwärtsverteidigung in Zeiten bröckelnder Kulturetats?
AK Mit der Veröffentlichung der Tränenliste im September 2009 hat Jörg Stüdemann die Gefahr eindrucksvoll verdeutlicht: Die Stadt droht als Gemeinwesen völlig zu zerfallen. Dazu können wir uns als Theater nicht passiv verhalten. Man muss nur nach Wuppertal sehen, nach Hagen, Moers oder Oberhausen. Überall erodiert das kulturelle und soziale urbane Leben. Der Druck, uns als Theater ständig legitimieren zu müssen, wird gesellschaftlich und politisch immer stärker. Die Zeiten sind vorbei, in denen ein geschützter Ort im Herzen der Stadt selbstverständlich war, an dem über existentielle Fragen nachgedacht werden konnte – jenseits marktwirtschaftlicher Kriterien und im Sinne der Idee künstlerischer Freiheit. Das IFUK betrachtet diesen Wandel als Chance. Das hat uns interessiert. Wir wollen auch der Politik etwas an die Hand geben und zeigen: Seht her, wir tun etwas, wir vernetzen uns, und zwar interdisziplinär.
bodo Das IfuK ist in Dortmund außerhalb von Fachkreisen bisher kaum in Erscheinung getreten. Wie kam es zu dieser Kooperation?
AK Am Anfang stand die Frage: Welche Partner holen wir ins Boot? Kay Voges erinnerte sich an eine Begegnung, die er in seiner Heimatstadt Krefeld gemacht hat: Dr. Mareike Soerensen, die dort das IFUK leitet und schon mit einigen Publikationen für Furore gesorgt hat. Wir haben erste Gespräche geführt und festgestellt, dass uns ihre Forschungsfelder wie „creativity and urban development“, „diversity management“, „active citizens“ und „flexicurity“ als Basis der Auseinandersetzung interessieren.
bodo Wie haben Sie reagiert, Herr Briegwitz, als plötzlich ein Stadttheater bei Ihnen anklopfte?
MB Wir fanden schnell Gefallen am Theater als einem Ort, an dem sich noch real begegnet werden kann. In einer Zeit, in der sich Kommunikation zunehmend virtualisiert, kann Theater – so altmodisch es erscheint – dieser reale Raum sein, in dem wir unsere Ideen überprüfen und verbreiten können.
Wir gehen ins Theater Dortmund mit dem Gedanken, hier gewissermaßen im Herzen der Stadt zu sitzen. Hier sind wir „face-to-face“, hier kann man nicht einfach „offline“ gehen. Natürlich muss Theater sich legitimieren. Wer Theater will, muss sagen wofür.
Ich würde die Freiheit der Kunst, von der Herr Kerlin gerade vielleicht nicht ganz zu Unrecht gesprochen hat, auch da sehen, wo Freiheit heißt, sich zu entscheiden. Sich zu entscheiden zu ihren gesellschaftlichen Möglichkeiten. Das Aufzeigen von Missständen ist vollständig vom Journalismus übernommen worden. Die Verzögerung, mit der Theater reagieren kann, ist immens.
bodo Was sind denn dann die gesellschaftlichen Möglichkeiten des Theaters?
MB Für uns liegen die Chancen im Wechsel der Perspektiven. Wir lenken den Blick darauf, wie Kultur Wirtschaft fördern kann und wie man daraus großflächige gesellschaftliche Visionen entwickeln kann. Und das weit hinaus über den Gedanken, der im Begriff Kreativwirtschaft transportiert wird. Wir brauchen wieder mehr Tatendrang.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bereits in den 1980er Jahren wurden theatrale Formen genutzt, um in Unternehmen Kommunikationsprozesse abzubilden. Ziel war dabei, dass Belegschaften in theatralen Workshops über ihr Unternehmen reflektieren. Das hat positive Effekte. Es verbessert das Unternehmensklima, legt Kommunikationsprobleme offen. Nicht nur müder Applaus, nachdem sich der Vorhang geschlossen hat – da kommt von der Belegschaft wirklich was zurück.
Wir fragen: Wie kann das ein Kompetenzfeld von Kultur werden? Ist es möglich, diesen Geist des Unternehmenstheaters produktiv auch für gesamtgesellschaftliche Prozesse zu nutzen? Nicht wahllos unter das Publikum gestreute Angebote, zum Teil aus fernen Jahrhunderten, zu liefern, sondern zugeschnittene, relevante Inputs? Die Kultur ist jetzt an dem Punkt, an dem sie zurückgeben kann an die Wirtschaft und an die Gesellschaft. Man kann sich Schauspieler und Regisseure als Konfliktmanager, als Bewerbungstrainer, als identity und real life performance coaches vorstellen. Über welche Kompetenzfelder verfügt das Theater, die direkt in die Gesellschaft zurückstrahlen können? Welche Modelle lassen sich erfinden, um das kreative Potential, das an Stadttheatern vorhanden ist, für die Entfachung einer positiven sozio-ökonomischen Dynamik zu nutzen? Unser Ziel ist nicht das Theater Dortmund zu entwickeln, sondern Dortmund zu entwickeln.
bodo Und die Lösung ist ein Theater-Bringdienst für soziale Einrichtungen, Unternehmen etc.?
MB Sie verstehen mich miss, Herr Pütter. Man hat diese Architekturen, die Guckkastenbühnen seit dem 18. Jahrhundert. Die Frage ist doch: Wie sieht das Theater des 21. Jahrhunderts aus? Wir stellen uns den Umbau zu Kommunikationszentren vor. Zu einem Ort, an dem sich die unterschiedlichsten Interessen einer Stadt treffen. An dem think tanks entstehen.
Wir müssen raus aus der Linearität Spiel-Vorhang-Applaus. Wir müssen den konkreten Nutzen der Gebäude und der Menschen, die darin arbeiten, feststellen.
Könnte nicht eine Medea so erzählt werden, dass sie dem Reiseunternehmen vor Ort entgegen kommt? Braucht man überhaupt den tragischen Ausgang?
bodo Ist das kompatibel mit Ihrer Vorstellung von Theater, Alexander Kerlin?
AK Wenn die Welt gerade einen Umbruch erfährt, der vergleichbar ist mit der Entstehung der Gutenberg-Galaxis durch den Buchdruck oder mit der ökonomischen und lebensweltlichen Transformation durch die Industrialisierung, dann müssen wir uns auch fragen: Wie sieht das neue Theater für diese Zeit aus? Wagen wir also dieses Experiment! Wir wissen nicht, was am Ende herauskommen wird, sonst wäre es keine Forschung.
bodo Wie reagieren eigentlich die Künstler auf diese neue Form der Einmischung? Wie treten Sie als Berater den Schauspielern gegenüber?
Ich habe nicht den Eindruck, dass ich auf Ablehnung stoße. Da ist noch Unsicherheit, aber auch Neugierde auf Seiten der Mimen.
AK Ich glaube, die Leute freuen sich richtig über diesen neuen, ungewöhnlichen Impuls.
bodo Sie sind beide Neudortmunder. Was ist ihr Eindruck von dieser „Stadt ohne Geld“?
AK Dortmund ist eine Stadt voller Energie, die sich vor allem aus dem Nord-Süd-Gefälle speist. Weder in Mülheim noch in Bochum – die Ruhrgebietsstädte, die ich am besten kenne – sind die sozialen Ungerechtigkeiten so eindeutig geografisch zu verorten wie in Dortmund. Das Gefälle vom Kreuzviertel zur Nordstadt ist frappierend. Die Scheidegrenze ist der Dortmunder Bahnhof, der Bahnhof mit der angespanntesten Atmosphäre aller Bahnhöfe im Ruhrgebiet. Eine Stadt mit vielen ungelösten politischen Fragen, dabei höchst lebenswert.
MB Für meine Kollegen und mich ist Dortmund eine Stadt im Aufbruch. Was hier in der Kreativwirtschaft, an Kongressen, an großartigen Projekten passiert, ist mitreißend, hier werden Visionen gelebt. Ergänzen möchte ich: Wir haben keine Sorge unterzugehen in dieser Fülle. Wir sind jetzt auch hier.
Fotos: Claudia Siekarski



